Hoffnung und Überzeugung

Die Adventszeit steht unmittelbar vor der Tür. Die Weihnachtsmärkte öffnen direkt nach dem Ewigkeitssonntag ihre Pforten; überall riecht es dann wieder nach Orangen, einem Hauch von Zimt, nach frisch gebackenen Plätzchen, nach Glühwein und gebrannten Mandeln. Trotz des Krieges in der Ukraine und trotz der mit ihm verbundenen Folgen für die Menschen auch in unserem Land erhoffen wir uns eine stimmungsvolle Adventszeit und ein friedvolles Weihnachtsfest.

Doch da stutze ich schon. Also ich jedenfalls erhoffe mir das, obwohl ich als Pastor gar nicht weiß, ob ich das wirklich noch für die Mehrheit der Menschen in unseren Dörfern oder erst recht in unserem Land sagen darf. Nicht das mit friedvoll und stimmungsvoll, wohl aber mit Advent und Weihnachten.

Unsere Gesellschaft, die Gemeinschaft aller in unserem Land lebenden Menschen, ist schon länger nicht mehr ausschließlich christlich. Nur noch knapp unter 50% der Menschen in Deutschland gehören einer der christlichen Kirchen an – jeweils etwa 20 Millionen der evangelischen bzw. der katholischen Kirche. Und wie viele von denen, die einer christlichen Kirche angehören, nehmen am Gemeindeleben teil? Die Frage ist schwer zu beantworten. Was wir wissen ist: Etwa 5% der Evangelischen und etwa 12% der Katholiken gehen einigermaßen regelmäßig zum Gottesdienst.
Wir können uns also vorstellen, dass unsere christlichen Bräuche und Worte allmählich in den Hintergrund treten. In manchen Städten heißt der Weihnachtsmarkt längst „Winterfest“. Und der Martinsumzug wird zum „Lichterfest“, damit vielleicht wieder mehr Kinder einen Bezug dazu finden.

Sagen wir es einmal so: Die Lage ist unübersichtlich geworden. Es gibt keine selbstverständlich christliche Gesellschaft mehr. Und auch da, wo wir selbstverständlich christlich auftreten oder geschützt sind, werden wir heute infrage gestellt: Warum dürfen wir Karfreitag nicht tanzen? Was haben wir, fragen junge Menschen, mit „eurem“ Karfreitag zu tun? Das müssen wir uns gefallen lassen.
Religion ist heute oft nicht mehr das, was traditionell überliefert ist; es ist längst auch das, was Menschen für sich selber als gut und hilfreich erkannt haben. Traditionen vermischen sich oder werden abgelehnt oder nur noch belächelt.
Für alle diese Fragen gibt es keine allgemeingültige Lösung. Jede Einrichtung, jede Tradition steht manchmal infrage. Kaum noch etwas versteht sich von selbst. Das sollte uns nicht wundern und ist kein Anlass zum Jammern.

Es geht hier nicht um gut oder nicht gut; es geht allein um unsere Haltung und Überzeugung – und das mit möglichst viel Fingerspitzengefühl für Andersdenkende.
In unserer Gemeinde vertreten wir das, was wir hoffen und glauben. Und wir leben das mit möglichst viel Liebe. Wir begehen unsere Traditionen und Rituale – und feiern unsere Inhalte. Wir zeigen Haltung und Überzeugung in dem, was wir glauben. Wir drängen es niemandem auf; wir verstecken es aber auch nicht. Wenn wir gefragt werden, warum etwas so ist, geben wir Auskunft – so gut wir können. Oder wir holen uns Rat. Wir überlegen auch, ob wir auf Hergebrachtes getrost verzichten können und ob wir womöglich neue Formen des Glaubens brauchen.
Immer aber zeigen wir Haltung und Überzeugung – in Achtung und Liebe zu Andersglaubenden. Und wir haben bei allen Überlegungen immer die feste Bitte in unseren Herzen, die der 43. Psalm (Vers 3) ausspricht:

Gott, sende dein Licht
und deine Wahrheit,
dass sie uns leiten.

In dieser Haltung und Überzeugung wünsche ich allen, die diese Zeilen lesen – seien sie nun Mitglieder unserer Gemeinde oder nicht (mehr) – eine stimmungsvolle Adventszeit und ein friedvolles Weihnachtsfest.

Ihr und euer
Ralf Pehmöller

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